Keplers Harmonien


In Linz unternahm Kepler Versuche mit einem Monochord: Ein beweglicher Steg teilte eine schwingende Metallsaite. Kepler lauschte den Tönen, suchte Wohlklänge heraus und ermittelte dann die Längenverhältnisse der Saitenteile. Er freute sich über harmonische Proportionen.

So entsteht die Quinte mit dem Monochord
Später berechnete er die schnellste und langsamste Tagesbewegung jedes einzelnen Planeten auf seiner Ellipsenbahn - und zwar so, als hätte er sie von der Sonne aus wahrgenommen. Nach Auf- und Abrundungen meinte er, im Planetenlauf die gleichen harmonischen Verhältnisse wie bei seinen musikalischen Versuchen wieder zu finden.


Die Tagesbewegung des Mars in größter Ferne (oben) und Nähe (unten), beobachtet von der Sonne

Bei Saturn ergab sich die Terz (4:5), bei Jupiter die kleine Terz (5:6). Beim Mars war es die Quinte (2:3), bei der Erde der Halbton (15:16), bei dem fast kreisförmigen Venusorbit war es noch viel weniger. "Venus hält sich fast auf einem Ton", kommentierte Kepler. Bei Merkur, dessen Bahn besonders stark von der Kreisform abweicht, brauchte es hingegen eine ganze Oktave plus kleine Terz (5:12).


Kepler hielt seine musikalischen Überlegungen im 5. Buch der Weltharmonik fest. Es erschien 1619 in Linz.

Alle Sounds und Grafiken (c) Pinter

Hätte er übrigens auch Uranus und Neptun gekannt, wäre er dort nochmals zur kleinen Terz bzw. deutlich weniger als einem chromatischen Halbton gekommen.

Um solcher Harmonien willen, so Kepler, habe Gott die Planeten auf Ellipsen gesetzt. Wieder war er sich gewiss, den göttlichen Bauplan durchschaut zu haben. In der erhabenen Welt der Gestirne suchte und fand er jene Harmonie, die er auf Erden so schmerzlich vermisste.

Näheres zu seinem Leben und Werk lesen in meinem Buch Helden des Himmels. Kepler versuchte außerdem, Harmonien zwischen den Extremgeschwindigkeiten von Nachbarplaneten zu finden. Im Verhältnis der schnellsten Bewegungen von Mars und Erde stieß er neuerlich auf die Quinte.

Die Beschäftigung mit der Musik und den Logarithmen dürfte Kepler 1618 auch zur Entdeckung seines dritten Planetengesetzes geführt haben: Denn in Logarithmen (!) ausgedrückt, gleicht das Verhältnis zwischen der Umlaufszeit eines Planeten und seiner Sonnendistanz (genauer: der großen Halbachse seiner Bahn) stets der Quinte (2:3).